Herr Seehofer, so redet kein Gewinner, so reden Verlierer

„Wogegen wir die größten Vorbehalte und Bedenken haben, und da werden wir uns in der Berliner Koalition … sträuben bis zur letzten Patrone, liebe Freunde, und niemals nachgeben, dass wir eine Zuwanderung in die deutschen Solzialsysteme bekommen. Dass wollen wir nicht, liebe Freunde.“

Horst Seehofer, 9.3.20111

Im Wahlkampf sind Schreckgespenster besonders nützlich. Sie lassen sich leicht an die Wand malen und mit martialischen Worten bekämpfen. Wie es mit Gespenstern so ist, es gibt sie nicht. Niederlagen daher ausgeschlossen. Ich glaube, dass unseren Sozialsystemen ganz andere Gefahren drohen. Gespenster zur Ablenkung, als Nebenkerze. Heute nicht mein Thema.

Mir war noch nicht bewusst, dass Angela Merkel und Guido Westerwelle für eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme werben. Auch dass bei den Koalitionsverhandlungen geschossen wird, wusste ich nicht. Heute auch nicht mein Thema.

Ist es Zufall, dass diese Worte auf den Tag genau schon 66 Jahre früher im Befehl zur Verteidigung Berlins stehen?2 Ob dieses nun rechtsradikal oder Volksverhetzung ist, darüber will ich nicht streiten. Es ist eine beliebte Metapher, die nicht nur Horst Seehofer benutzt, wie die Zitate weiter unten zeigen. Die Aufregung über diese Wortwahl ist etwas übertrieben, künstlich. Heute auch nicht mein Thema.

Verehrter Herr Seehofer, so redet kein Gewinner, so reden Verlierer.

Ich möchte festhalten, dass diese Formulierung immer von Verlierern als Aufruf zum letzten Gefecht genutzt wird, wenn sie gerade mit dem Rücken zu Wand stehen. Auch wird diesie von anderen gerne im Nachhinein genutzt, wenn der Verlierer ums Verrecken nicht aufgeben wollte. Willkommen im Club!

Hier ein paar Beispiele; zuerst zwei aus neuerer Zeit:

„Ich bin nicht bereit, den Titel abzuschreiben. Ich werde bis zur letzten Patrone kämpfen.“
Kark-Heinz Rummenigge , FC Bayern3

„Die haben bis zur letzten Patrone gekämpft“, sagt einer, der das hautnah erlebt hat.4

Noch am 24. Januar verbot Hitler kategorisch die Kapitulation der Truppe: »Die Armee muss bis zur letzten Patrone Widerstand leisten.« 5

„… Denkt in jedem Kampfe daran, und wenn es hart auf hart geht, so verkauft Euer Leben so teuer als möglich bis zur letzten Patrone.“
Walter v. Reichenau6

Es gibt zwar auch Fälle, in denen der Verlierer noch nicht fest steht. Die Taliban sollen diese Worte auch genutzt haben, dies ist aber wohl der Übersetzung geschuldet.


  1. Horst Seehofer; Aschermittwoch, 9.3.2011; Mitschrift aus dem YouTube Video >>
  2. Jochen Arntz: Am 9. März wird der berüchtigte Befehl zur Verteidigung Berlins gegeben; in >>
  3. fussball24.de: Rummenigge-Ansage: Kämpfen bis zur letzten Patrone; 22.11.2010 >>
  4. Von M. Balser, T. Fromm und K. Ott: Die Siemens-Hauptversammlung – „Die haben bis zur letzten Patrone gekämpft“; sueddeutsche.de; 23.1.2008>>
  5. Sonntagsblatt: Vor 60 Jahren kapitulierten die letzten deutschen Truppen in Stalingrad – Sinnloser Kampf bis zur letzten Patrone Sonntagsblatt; Ausgabe 05 vom 02.02.2003 >>
  6. Siehe Johannes Hürter: Hittlers Heerführer; Seite 374; books.google.de >>
    Fußnote 70: Tagesbefehl Walter von Reichenau (H.Gr. Süd), 20.12.1941 in: Ueberschär/Wette(Hrsg.), Unternehmen, S.345

Genialer Kopf?

„Karl-Theodor zu Guttenberg gehört fraglos zu den genialsten Köpfen, die wir jemals hatten und haben.“

Horst Seehofer, CSU-Vorsitzender 1

Promotion nur mit Vitamin B und Sondergenehmigung, weil Studium zu schlecht, Dissertation im Zustand der Bewusstlosigkeit mit Copy and Paste erstellt. Und andere Köpfe sind bis auf wenige Ausnahmen noch dümmer? (Entschuldigung, diese Polemik kann ich mir nicht verkneifen.) Ich würde es keinem Politiker unterstellt haben, aber der Seehofer kennt sie besser als ich. Der muss es wissen. Herr, lass ihn irren! Hoffentlich meint er nur die CSU.


  1. Newsline Westdeutsche Zeitung: Seehofer attackiert die CDU;3.3.2011>>

Götterdämmerung – Das Licht ist aus

Nun ist es vorbei. Das Licht ist aus. Die Lichtgestalt … ja wo ist sie nur? Schon verwunderlich, wie lange zu Guttenberg sich gegen die Einsicht, dass er als Minister nicht mehr tragbar ist, gesträubt hat. Wie viel Weltfremdheit gehört dazu, zu glauben, den Kopf aus einer solchen Schlinge ziehen zu können. Oder war da ein aufmunterndes „Junge, halte durch!“ mit dem stillen, geheimen Nachsatz ‚je länger, desto tiefer dein Fall, desto besser für mich‘. Wir sollten nicht verkennen: Merkel und Seehofer sind einen Konkurrenten los. Kein Oppositionspolitiker war annähernd so gefährlich für die eigene Position. Ich erinnere mich noch an die Fotos und Video des CSU Parteitags und die Kommentare. „Horst Seehofer: Parteichef von Guttenbergs Gnaden“. Eine Demütigung für Seehofer.

„Soviel Scheinheiligkeit und Verlogenheit war selten in Deutschland“, sagte Merkel am Dienstag bei einem Wahlkampfauftritt in Karlsruhe2. Recht hat sie! Fragt sich nur bei wem. Von „Der Vorwurf, …, ist abstrus, über „… bereit zu prüfen, ob … vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten …“ und „fraglos Fehler“ zu „gravierende Fehler“ , „Blödsinn“ und bis hin zu „Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht. Ich habe auch nicht bewusst oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht …“ 3,4 werden uns alle zwei, drei Tage neue Erklärungen aufgetischt. Gerne möchte man ihm gauben, wenn zu Guttenberg erklärt, die Arbeit am Wochenende erstmals gelesen zu haben. Nicht nur im Hinblick auf die Vorwürfe. Dazu eine Kanzlerin, die mit aller Macht (oder vielleicht doch nicht?) sich und ihrem Volk einen solchen Minister zumuten will oder glaubt zu müssen. Eine Kanzlerin, die nicht erkennen will oder kann, dass nicht so sehr die Doktorarbeit, sondern das Krisenmanagement, die unglaubwürdigen und teilweise beleidigenden Erklärungsversuche das Problem sind. Und die hilflosen Versuche, von der Sache auf die Motive der Frager abzulenken. Statt die Lauterkeit des Angeklagten zu klären, wird die Lauterkeit des Staatsanwaltes diskutiert. Welch ein Offenbarungseid. Politiker, denen nicht mehr einfällt, als über die Motive des Gegners zu diskutieren und diese zu diffamieren, haben in der Sachfrage aufgegeben. Sicher eine gern genutzte, dafür aber trotzdem dumme Strategie. Ein absolut sicheres Zeichen für die Niederlage. Leute lassen sich nicht gerne für dumm verkaufen. Irgendjemand bemerkte in diesem Zusammenhang, dass deutsche Juristen großer Erfahrung darin haben, aus den Umständen der Tat auf Vorsatz oder nicht zu schließen.

Erschreckend, wie lange die Führungsriege von CDU und CSU sich vor und hinter zu Guttenberg gestellt hat, und wie jeder sich fürchtete, dem beliebtesten Politiker den Todesstoß zu versetzen. Und zu welchen Verrenkungen sie sich erniedrigt haben und noch erniedrigen, um eine unhaltbare Stellung nicht aufzugeben. Fehlte da jedes eigene Ehrgefühl? Zusammenhalt, Macht und Partei über alles?

Ich kann das fürchterliche Leid eines Diebes oder Betrügers, ja seine Höllenqualen, nachvollziehen, wenn er seine mühsam geklaute oder erschwindelte Beute zurück geben muss. Was sind Bestohlene doch niederträchtige Menschen. Sie fordern nicht nur rücksichtslos vom leidenden Dieb die Beute zurück, sondern lassen einfach nicht locker und wollen, dass er ins Gefängnis geht. Schämt euch, heuchlerisches, mitleidloses Pack. Ihr weidet euch an dem Leid dieses armen Menschen. Was sagte die Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel: „Soviel Scheinheiligkeit und Verlogenheit war selten in Deutschland“. Recht hat sie!

Warum stellt sich Frau Bundeskanzler Dr. Merkel hin und versucht das moralische Handeln eines Menschen zwischen Akademiker und Minister zu teilen? Was ist da nur in sie gefahren? Wer hat ihr dazu geraten? Damit hat sie ohne Not viele Akademiker gegen sich aufgebracht. Wieso nur die Akademiker? Auch jeder Geselle oder Meister, der sich seinen Titel erarbeitet hat, kann da doch nur mit dem Kopfschütteln. Wer hat ihr geflüstert, dass nur Gegner der CDU und CSU mit solches Verhalten nicht durchgehen lassen wollen?

Ein Minister, der ihr und uns eine Lüge nach der anderen serviert, hat ihr vollstes Vertrauen? Was wäre, wenn sie am Samstag, oder meinetwegen erst am Dienstag letzter Woche, erklärt hätte: „Meine lieben, Landsleute, verehrten Damen und Herren, am Donnerstag hat mir Herr Minister Dr. zu Guttenberg in einem vier Augengespräche hoch und heilig versichert, dass an den Vorwürfen zu seiner Doktorarbeit nichts dran ist. Heute nun, muss ich nach eingehender Prüfung feststellen, dass diese Arbeit keine vereinzelten Fehler enthält, sonder in weiten Teilen zusammen kopiert und nicht sein eigenes Werk ist. Aus der Erfahrung mit meiner eigenen Arbeit ist mir nicht begreiflich, wie dies unbewusst und unbeabsichtigt geschehen könnte. Zu meinem äußersten Bedauern ist aufgrund dieser Fakten und der ausdrücklichen Versicherungen des Ministers am Donnerstag mein Vertrauen zu Minister zu Guttenberg erheblich erschüttert und eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr möglich.  Aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit des Ministers mir gegenüber und auch gegenüber der Öffentlichkeit habe ich daher schweren Herzens den Herrn Bundespräsidenten bitten müssen, Minister Dr. zu Guttenberg zu entlassen, und einen Nachfolger zu ernennen.“

Wer hätte dagegen aufschreien können? Der Schaden wäre auf Dauer sicher geringer gewesen, als der jetzt entstandene. Die Liebes trunkenen Guttenberg-Fans werden auch wieder nüchtern. Die Verprellten werden sich lange erinnern.

Zur Rücktrittserklärung zu Guttenbergs spare ich mir die Anmerkungen, nur eine: Nicht einmal jetzt hat es zu Größe gereicht. Von Friedmann oder Käßmann weit weit entfernt.

Und das positive Fazit für Politik-Verdrossene: Ganz so mächtig sind die Politiker doch nicht. Auch ohne Wahlen kann der Wähler sie zur Vernunft bringen. Mit Wahlen könnte wir wenigstens erstmals die Spreu ganz grob vom Weizen trennen.

Ein Sargnagel der Demokratie5, wie der Bundestagspräsident Dr. Nobert Lammert fürchtet? Nein, so lebendig war sie schon lange nicht mehr. Nur gäbe es bessere Themen.

Was hat ihn nur dazu getrieben, die Doktorarbeit zu kopieren? Mir kommt dazu immer Ockhams Rasiermesser in den Sinn: Die einfachste Hypothese: Er hat die Arbeit nicht selbst geschrieben. Dies würde die ersten Reaktionen erklären. Zu Guttenberg hat nicht gewusst, wie schlecht sie ist. Und ist Betrüger und Betrogener.

Manche Entscheidungen sind schmerzlich, aber notwendig.

„Und wieder siegt die Dummheit über die Vernunft“6, wie in einem Blog-Kommentar stand? Mitnichten: Die Vernunft hat über die Dummen gesiegt. Bedauerlich nur: Dumme werden dadurch nicht zu Schlauen.


  1. Horst Seehofer: Parteichef von Guttenbergs Gnaden; In: Video auf Spiegel Online; 30.10.2010 >> Abruf 2.3.2011
  2. Merkel: Guttenberg-Gegner sind scheinheilig und verlogen; In: Handelsblatt.com; >> Abruf 2.3.2011
  3. B.Z.: Chronologie eines Rücktritts; In: www.bz-berlin.de; 2.3.2011 18:00 Uhr; >> Abruf 2.3.2011
  4. Die Welt: Die ganze Welt im Blick, über Fußnoten gestolpert; In: www.welt.de; 1.3.2011; >> Abruf 2.3.2011
  5. Die Welt: CSU stützt Guttenberg – Seehofer kritisiert Lammert; In: www.welt.de; 28.2.2011; >> Abruf 2.3.2011