Ioannidis und die Infection Fatality Ratio

Corona CFR 35-59 Jährige in Deutschland

In einer Meta-Studie »Age-stratified infection fatality rate of COVID-19 in the non-elderly informed from pre-vaccination national seroprevalence studies« hat John P.A. Ioannidis die Infection Fatality Ratio (IFR) für verschiedene Länder bestimmt.

Schauen wir uns sein Ergebnis für Deutschland an.

Aus der Studie »Germany’s low SARS-CoV-2 seroprevalence confirms effective containment in 2020: Results of the nationwide RKI-SOEP study« von Neuhauser errechnet Ioannidis die Zahl der Infizierten. Da Neuhauser eine anderer Altersstruktur verwendet, muss er die Altersstruktur auf seine Altersstruktur umrechnen. Dadurch kommt auf 11.302 Getestete und mit einer Seroprävalenz von 1,96 % für unter 60 / 70-Jährige. Bei 903 Sterbefällen und 59.792.644 Personen ergibt sich eine IFR von 0,077%.

So weit so gut. Wir wollen im Folgenden das Ergebnis mit anderen Daten quer checken.

Zuerst stellt sich die Frage, woher Ioannidis die Sterbefälle genommen hat. In der Studie von Neuhauser werden Sterbefälle nicht betrachtet und bei Ioannidis finde ich keine Quelle für die Bevölkerungszahl oder die Todesfälle. Naheliegend wären DESTATIS und das Robert-Koch-Institut.

Aber: Vom einfachen zum schweren.

Prüfen wir die Bevölkerungszahl.

Ioannidis legt 59.792.644 zugrunde. Diese Zahl finde ich weder bei DESTATIS noch im World Population Prospect. Sie passt noch am ehesten zu den Daten von 2017 und wäre somit veraltet.

Gemäß DESTATIS Tabelle 12411-0006 gab es Ende 2020 59.065.258 Einwohner unter 60 Jahre. Da sind etwa 1 % weniger. Der World Population Prospect 2022 liefert 59.288.951. Im Folgenden nehmen wir die Bevölkerungszahl von DESTATIS, denn wenn die nicht halbwegs richtig ist, ist auch jede andere Zahl gewürfelt. Aber: 1 % hat keinen Streitwert im Vergleich zu den Ungenauigkeiten, die noch kommen.

Prüfen wir die Seroprävalenz

Die Studie von Neuhauser lief von Oktober 2020 bis Ende Februar 2021. Also von Beginn bis Ende der zweiten Welle. Darüber einen Mittelwert der Seroprävalenz zu berechnen ist schon mutig.

Zu Beginn der Neuhauser Studie waren 227.114 Infizierte oder 0,385 % der unter 60-Jährigen beim RKI gemeldet. Bis zum Ende der Neuhauser-Studie stieg diese Zahl auf 1.818.230 Infizierte oder 3,08 %. Das heißt, die gemeldeten Infizierten haben sich im Laufe der Studiendauer verachtfacht. Die von Ioannidis abgeleitete Seroprävalenz liegt mit 1,96 % irgendwo dazwischen.

Prüfen wir die Todesfallzahlen

Laut den Daten des RKI starben von den in 2020 als infiziert gemeldeten unter 60-Jährigen 1.842 bei 1. 330.098 oder 0,14 %. Das ist ein Faktor 2 gegenüber 903 Todesfällen und einer IFR von 0,077 %, die Ioannidis errechnet.

Bis Ende Januar 2021 sind 2.387 Todesfälle auf 1.652.244 Fälle (0,14 %). Ende Februar 2023 sind es 2.675 Todesfälle auf 1.818.230 gemeldete Fälle (0,15 %).

Bis Ende Februar 2021 starben etwa 3 mal mehr unter 60-Jährige, als Ioannidis zugrunde legt.

Wo kommen nun die 903 Todesfälle her?

Kurz: Ich weiß es nicht.

Am 19. November 2020 hatten wir 899 Todesfälle (923 am Folgetag) und 708.842 gemeldete Infizierte U60, was 1,2 % der Bevölkerung entspricht, aber niedriger ist, als die von Ioannidis aus der Neuhauser Studie errechnete Seroprävalenz (1,96 %). Aber letztere ist ja nur ein Mittelwert über vier Monate und der Schwerpunkt liegt eher zum Ende der Zeitraumes hin.

Zu allen Stichtagen ist die CFR etwa doppelt so groß, wie die IFR gemäß Ioannidis. Das wäre nur möglich, wenn wir nur 50 % der Infizierten erfassen. Aber der Anteil der gemeldeten Infizierten weicht dafür nicht ausreichend von der Seroprävalenz ab.

Kurz: Die IFR wird erheblich unterschätzt.

Fazit

Inoannidis setzt die Bevölkerung Ende 2020 um etwa 1 % zu hoch an. Das senkt zwar die IFR ist aber angesichts anderer Unsicherheiten vernachlässigbar.

Die Seroprävalenz der Neuhauser-Studie lässt nicht auf eine hohe Dunkelziffer schließen. Eher ist das Gegenteil der Fall. Als Mittelwert über die vier Monate der zweiten Welle liegt sie irgendwo zwischen Anfangs und Endwert.

Die IFR von Ioannidis ist um einen Faktor 2 kleiner als die CFR. Der wesentliche Grund dafür dürfte die zu niedrige Zahl der Todesfälle sein. Die IFR ist um den Faktor 2 unterschätzt.

PS: Die CFR eines 35 bis 59-Jährigen war damals etwa 20x höher, als die eines 15 bis 34-Jährigen. Und die eines 60 bis 79-Jährigen war nochmal 20x so hoch.