Herr Seehofer, so redet kein Gewinner, so reden Verlierer

„Wogegen wir die größten Vorbehalte und Bedenken haben, und da werden wir uns in der Berliner Koalition … sträuben bis zur letzten Patrone, liebe Freunde, und niemals nachgeben, dass wir eine Zuwanderung in die deutschen Solzialsysteme bekommen. Dass wollen wir nicht, liebe Freunde.“

Horst Seehofer, 9.3.20111

Im Wahlkampf sind Schreckgespenster besonders nützlich. Sie lassen sich leicht an die Wand malen und mit martialischen Worten bekämpfen. Wie es mit Gespenstern so ist, es gibt sie nicht. Niederlagen daher ausgeschlossen. Ich glaube, dass unseren Sozialsystemen ganz andere Gefahren drohen. Gespenster zur Ablenkung, als Nebenkerze. Heute nicht mein Thema.

Mir war noch nicht bewusst, dass Angela Merkel und Guido Westerwelle für eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme werben. Auch dass bei den Koalitionsverhandlungen geschossen wird, wusste ich nicht. Heute auch nicht mein Thema.

Ist es Zufall, dass diese Worte auf den Tag genau schon 66 Jahre früher im Befehl zur Verteidigung Berlins stehen?2 Ob dieses nun rechtsradikal oder Volksverhetzung ist, darüber will ich nicht streiten. Es ist eine beliebte Metapher, die nicht nur Horst Seehofer benutzt, wie die Zitate weiter unten zeigen. Die Aufregung über diese Wortwahl ist etwas übertrieben, künstlich. Heute auch nicht mein Thema.

Verehrter Herr Seehofer, so redet kein Gewinner, so reden Verlierer.

Ich möchte festhalten, dass diese Formulierung immer von Verlierern als Aufruf zum letzten Gefecht genutzt wird, wenn sie gerade mit dem Rücken zu Wand stehen. Auch wird diesie von anderen gerne im Nachhinein genutzt, wenn der Verlierer ums Verrecken nicht aufgeben wollte. Willkommen im Club!

Hier ein paar Beispiele; zuerst zwei aus neuerer Zeit:

„Ich bin nicht bereit, den Titel abzuschreiben. Ich werde bis zur letzten Patrone kämpfen.“
Kark-Heinz Rummenigge , FC Bayern3

„Die haben bis zur letzten Patrone gekämpft“, sagt einer, der das hautnah erlebt hat.4

Noch am 24. Januar verbot Hitler kategorisch die Kapitulation der Truppe: »Die Armee muss bis zur letzten Patrone Widerstand leisten.« 5

„… Denkt in jedem Kampfe daran, und wenn es hart auf hart geht, so verkauft Euer Leben so teuer als möglich bis zur letzten Patrone.“
Walter v. Reichenau6

Es gibt zwar auch Fälle, in denen der Verlierer noch nicht fest steht. Die Taliban sollen diese Worte auch genutzt haben, dies ist aber wohl der Übersetzung geschuldet.


  1. Horst Seehofer; Aschermittwoch, 9.3.2011; Mitschrift aus dem YouTube Video >>
  2. Jochen Arntz: Am 9. März wird der berüchtigte Befehl zur Verteidigung Berlins gegeben; in >>
  3. fussball24.de: Rummenigge-Ansage: Kämpfen bis zur letzten Patrone; 22.11.2010 >>
  4. Von M. Balser, T. Fromm und K. Ott: Die Siemens-Hauptversammlung – „Die haben bis zur letzten Patrone gekämpft“; sueddeutsche.de; 23.1.2008>>
  5. Sonntagsblatt: Vor 60 Jahren kapitulierten die letzten deutschen Truppen in Stalingrad – Sinnloser Kampf bis zur letzten Patrone Sonntagsblatt; Ausgabe 05 vom 02.02.2003 >>
  6. Siehe Johannes Hürter: Hittlers Heerführer; Seite 374; books.google.de >>
    Fußnote 70: Tagesbefehl Walter von Reichenau (H.Gr. Süd), 20.12.1941 in: Ueberschär/Wette(Hrsg.), Unternehmen, S.345

Hetze? Menschenjagd?

Sicher musste der Karl-Theodor zu Guttenberg sich einiges anhören. Mit seiner Liebe zur Wahrheit hat er es sich zum Teil selbst zuzuschreiben. In diesem Zusammenhang von Hetze, Menschenjagd oder Zerstörungsfeldzug zu sprechen, ist jedoch deutlich fehl am Platze.

Wenn der Vater, Enoch zu Guttenberg, in diesem Zusammenhang von Menschenjagd spricht, dann kann ich dies in gewissem Rahmen noch verstehen. Der Ministerpräsident Baden-Württembergs Stefan Mappus (CDU) entgleist jedoch, wenn er feststellt: „Aber angesichts dessen, was Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin im Bundestag gemacht haben, liegt der Vater von Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner Feststellung nicht so ganz falsch.”1

Wenn dies Menschenjagd war, was war die Judenverfolgung im Dritten Reich?

Was eine Menschenjagd ist (oder war, auch außerhalb des 3. Reiches), ist bei der UNESCO2, hier, hier, hier oder als leichtere Lektüre im Roman „Die Sklavenkarawane“ von Karl May nachzulesen. Wem das nicht reicht, der frage Google einfach nach „Menschenjagd -Guttenberg“.

Vielleicht kann sich Herr Mappus auch ein paar Gedanken zu der Menschenjagd in Libyen machen und sich der Frage von Walter Bau, „Greift der Westen ein?“, widmen3. Oder: Woher hat Gaddafi seine Waffen? Deutsche Soldaten erschossen von deutschen Gewehren G36!4 Sicher, gegen die Menschenjagd auf zu Guttenberg wäre das in Libyen ein Lappalie.

Volksverdummung ist eigentlich nicht der Auftrag der Politiker, aber was erwarte ich von Geschädigten des förderalen Bildungssystems5? Als Deutsche sollten wir mit diesen Worten sorgsamer umgehen.


  1. LVZ: Mappus findet den Begriff der „Menschenjagd“ auf Karl-Theodor zu Guttenberg „nicht ganz falsch“; by ots/presseportal.de; 06.03.2011; >>
  2. VN-Jahr 2004 Sklaverei – gestern und heute?; Online-Magazin der Deutschen UNESCO-Kommission
    Ausgabe 1; Januar 2004; >>
  3. Walter Bau: Libyen – Greift der Westen ein?; derwesten.de; 25.02.2011; Walter Bau>>
  4. NRWZ online; Grässlin vermutet illegale Rüstungsexporte; G-36 Gewehr aus Oberndorf in Libyen?; 05.03.2011, 20:02:13 Uhr; >>
  5. Dieser polemischen Anmerkung konnte ich mich leider nicht enthalten.

Sollten einige Fußnoten nicht oder nicht richtig gesetzt sein, bitte ich um Hinweis. Es ist zwar nicht Absicht, aber meinem nicht ausreichenden Korrekturlesen geschuldet.

Die Sprüche sind weg – www.zuguttenberg.de

Durch Zufall habe ich mir die Seite www.zuguttenberg.de nochmal angeschaut. Jetzt sind die Sprüche auf den Bildern in der Animation weg. Nur noch nackte Bilder.
Update: Heute sind die Sprüche wieder da. Lag’s an meinem Browser oder hat man es sich anders überlegt?

Parteiinterne Hetzjagd1

Es gibt wichtigeres als die (Nicht-)Dissertation eines (Ex-)Verteidigungsministers. Nicht für CDU und CSU, aber für den Rest der Republik.

Jetzt werden die Schuldigen in den eigenen Reihen gesucht2. Wozu? Es gab einen Verursacher: zu Guttenberg. Geguttenbergte Dissertation und in der Krisen beim Kopieren versagt. Dabei gab es doch gute Vorlagen; Käßmann, Friedmann.

Lieber Herr Kauder,

Sie und Teile der beiden Partei haben ihn gestützt, zu ihm gehalten, sich verbogen, auf die Zunge gebissen und die Kröten, die zu Guttenberg ihnen servierte geschluckt. Alles um der Umfrageergebnisse willen und der selbst eingeredeten These: Ohne zu Guttenberg geht nichts, wir müssen ihn retten, koste es was es wolle. Bis zu einen gewissen Grade kann man dieses Verhalten als honorig ansehen. Viele in der Partei haben geflissentlich geschwiegen. Ist Ihnen aufgefallen, wie viele? Aber Sie haben die Fakten ignoriert und stehen nach dem Rücktritt blamiert da. Ihr Weltbild hängt schief und muss gerade gerückt werden. Da Sie nicht selbst schuld sein können, brauchen Sie einen Schuldigen. Kognitive Dissonanz. Mein Vorschlag wäre: zu Guttenberg. Aber ich kann verstehen, dass Sie den nicht in zu Guttenberg suchen möchten, um es sich nicht mit dessen wenigen Fans zu verderben.

Nebenbei: Sie sollten Facebook-Fans nicht überschätzen. Ein „Gefällt mir“-Klick kostet keine Mühe. „Gefällt mir nicht“-Klicks gibt es nicht, nur „Gefällt mir nicht mehr“.

Ob Sie sich und der Union mit Ihrem Nachkarten einen Gefallen erweisen, dass sie jetzt auf Ihre Parteifreunde Schavan und Lammert los gehen? Mein Vertrauen gewinnen Sie so nicht. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Mein persönlicher Tipp: Wenn ich mich blamieren wollte, würde ich mich nackt auf den Marktplatz stellen. Ist viel einfacher.

Zu Guttenberg ist weg und wird – vorerst – nicht wieder kommen. Es hilft nicht ihm nach zu trauern und das Thema weiter in der Diskussion zu halten. Insbesondere nicht, wenn man seine Uneinsichtigkeit damit weiter unter Beweis stellt. Auch wenn die Erläuterung des Rücktritt ein weiterer Fehltritt war, durch das Nachkarten, die parteiinterne Hetzjagd, wird ihr jedes Motiv der Anständigkeit, Aufrichtigkeit und Reue genommen, das man zu Guttenberg hätte wohlwollend zu Gute halten können. Bemitleidenswertes, aber sehr aufschlussreiches Verhalten.


  1. Ich verwende Ausnahmsweise diesen Begriff, den ich ihn nicht mag, weil es hier um eine Suche nach Schuldigen geht. Eine Hetzjagd oder Menschenjagd auf zu Guttenberg hat m.E. nie stattgefunden. Hetzjagd, Neid und andere Begriffe sollten die Diskussion von der Sachfrage auf die vermuteten oder unterstellten Motive der Nachfrager umlenken.
  2. Guttenberg-Ärger in der Union: Kauder kartet in der „Sargnagel-Affäre“ nach; RP-Online; 6.3.2011 21:03; >> Abruf 7.3.2011

Genialer Kopf?

„Karl-Theodor zu Guttenberg gehört fraglos zu den genialsten Köpfen, die wir jemals hatten und haben.“

Horst Seehofer, CSU-Vorsitzender 1

Promotion nur mit Vitamin B und Sondergenehmigung, weil Studium zu schlecht, Dissertation im Zustand der Bewusstlosigkeit mit Copy and Paste erstellt. Und andere Köpfe sind bis auf wenige Ausnahmen noch dümmer? (Entschuldigung, diese Polemik kann ich mir nicht verkneifen.) Ich würde es keinem Politiker unterstellt haben, aber der Seehofer kennt sie besser als ich. Der muss es wissen. Herr, lass ihn irren! Hoffentlich meint er nur die CSU.


  1. Newsline Westdeutsche Zeitung: Seehofer attackiert die CDU;3.3.2011>>

E10-Krise

Brüderle ruft E-10 Krise aus1

Nein, ich hätte es nicht besser gewusst. Ich lese keine BILD oder Motorzeitschriften. Bei E-10 denke ich eher an eine Kamera. Wenn mein Sohn sich nicht darüber beklagt hätte, dass er den ganz teuren Sprit tanken muss, weil sein Auto kein E-10 verträgt, dann hätte ich noch weniger mit bekommen. Ich vermute, viele wurden von der Umstellung überrascht. Mir hat keiner die Broschüre in die Hand gedrückt; vom Postkasten wird sie als Werbemüll ungelesen entsorgt worden sein – natürlich ökologisch korrekt in den Papiermüll.

Inzwischen hab ich mal nachgeschaut, mein Opel verträgt E-10. Übrigens: E-5 ist mir als Zeichen an der Tankstelle noch nicht aufgefallen. Aber mein Zapfhahn ist meist der zweite von rechts. Ich könnte aber noch „Normal“ tanken. Schön, dass sie de Süden zuerst bedacht haben. Wer wohnt da noch gleich? Bayern, Franken, Schwaben … . Sind einige der Gruppen die nicht für eine gewisse Sturheit bekannt?

Der Teufelskreis ist schon faszinierend, die Leute Tanken kein E-10, sondern Super Plus, dass wird Mangelware, kann aber nicht nach produziert werden, weil die Lager voller E-10 sind.

Krise? Der Untergang des Abendlandes droht wohl nicht.

Ich halte nicht viel vom Verbrennen fossiler Brennstoffe. Das bedeutet Leben vom Kapital und nicht von den Zinsen. Wir verprassen das Erbe unserer Kinder. Aber Wälder roden, um „Sprit“ zu pflanzen? Die Alternative wäre meiner Meinung kurzfristig nur Atomenergie, denn Wind und Sonne sind wenig beständig. Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, kann man für kein Geld der Welt Wind- oder Sonnenenergie kaufen.

Spart man wirklich CO2, wenn man Raps statt Öl verbrennt und dafür Wälder rodet? Die Antwort ist – trotz wissenschaftlicher (objektiver) Untersuchungsmethoden – nicht eindeutig.3,4

BTW: Der Vorteil offener, freier, kostenloser Information im Internet ist, dass Behauptungen nachprüfbar sind. Die eigene Meinung muss nicht von BILD gebildet werden. Eine eigene Meinung kostet natürlich mehr Zeit.


  1. SPON: Chaos um Bio-Super; Brüderle ruft E10-Krise aus; welt online 3.3.2011 >>
  2. Opel Deutschland: E10-Verträglichkeit von Kraftfahrzeugen; 17.12.2010; [PDF]; Abruf 3.3.2011
  3. Manfred Wörgetter, Marion Lechner, Josef Rathbauer: ÖKOBILANZ
    BIODIESEL; Studie der Bundesanstalt für Landtechnik im Auftrag des Bundesminsteriums für Land- und Forstwirtschaft (Österreich); März 1999; [PDF]; Abruf 3.3.2011
  4. Dörte Bernhardt: Ökobilanz von Bioethanol; Eine Literaturstudie; September 2006;[PDF]; Abruf 3.3.2011

Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel1

Ein wunderbarer Mitschnitt eines Radioanrufes ist bei YouTube zu hören.
Bild – Leserin beschwert sich über den Rücktritt von Kriegsminister Karl-Theodor zu Guttenberg

Übrigens: Wer in einer Arbeit schummelt und erwischt wird, bekommt im für ihn günstigsten Fall eine 6, nicht alle Schummler werden erwischt. Zu meiner Zeit gab es einen Fall, da wurde ein Student aus der Bw entfernt und wegen Urkundenfälschung angezeigt, weil er einen Schein gefälscht hat. Der war eigentlich sehr nett, als Soldat und nicht als Student angestellt. Da hat er wohl Pech gehabt. Zu früh geboren.


  1. Leider kenne ich den Autor und die Quelle nicht.

Götterdämmerung – Das Licht ist aus

Nun ist es vorbei. Das Licht ist aus. Die Lichtgestalt … ja wo ist sie nur? Schon verwunderlich, wie lange zu Guttenberg sich gegen die Einsicht, dass er als Minister nicht mehr tragbar ist, gesträubt hat. Wie viel Weltfremdheit gehört dazu, zu glauben, den Kopf aus einer solchen Schlinge ziehen zu können. Oder war da ein aufmunterndes „Junge, halte durch!“ mit dem stillen, geheimen Nachsatz ‚je länger, desto tiefer dein Fall, desto besser für mich‘. Wir sollten nicht verkennen: Merkel und Seehofer sind einen Konkurrenten los. Kein Oppositionspolitiker war annähernd so gefährlich für die eigene Position. Ich erinnere mich noch an die Fotos und Video des CSU Parteitags und die Kommentare. „Horst Seehofer: Parteichef von Guttenbergs Gnaden“. Eine Demütigung für Seehofer.

„Soviel Scheinheiligkeit und Verlogenheit war selten in Deutschland“, sagte Merkel am Dienstag bei einem Wahlkampfauftritt in Karlsruhe2. Recht hat sie! Fragt sich nur bei wem. Von „Der Vorwurf, …, ist abstrus, über „… bereit zu prüfen, ob … vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten …“ und „fraglos Fehler“ zu „gravierende Fehler“ , „Blödsinn“ und bis hin zu „Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht. Ich habe auch nicht bewusst oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht …“ 3,4 werden uns alle zwei, drei Tage neue Erklärungen aufgetischt. Gerne möchte man ihm gauben, wenn zu Guttenberg erklärt, die Arbeit am Wochenende erstmals gelesen zu haben. Nicht nur im Hinblick auf die Vorwürfe. Dazu eine Kanzlerin, die mit aller Macht (oder vielleicht doch nicht?) sich und ihrem Volk einen solchen Minister zumuten will oder glaubt zu müssen. Eine Kanzlerin, die nicht erkennen will oder kann, dass nicht so sehr die Doktorarbeit, sondern das Krisenmanagement, die unglaubwürdigen und teilweise beleidigenden Erklärungsversuche das Problem sind. Und die hilflosen Versuche, von der Sache auf die Motive der Frager abzulenken. Statt die Lauterkeit des Angeklagten zu klären, wird die Lauterkeit des Staatsanwaltes diskutiert. Welch ein Offenbarungseid. Politiker, denen nicht mehr einfällt, als über die Motive des Gegners zu diskutieren und diese zu diffamieren, haben in der Sachfrage aufgegeben. Sicher eine gern genutzte, dafür aber trotzdem dumme Strategie. Ein absolut sicheres Zeichen für die Niederlage. Leute lassen sich nicht gerne für dumm verkaufen. Irgendjemand bemerkte in diesem Zusammenhang, dass deutsche Juristen großer Erfahrung darin haben, aus den Umständen der Tat auf Vorsatz oder nicht zu schließen.

Erschreckend, wie lange die Führungsriege von CDU und CSU sich vor und hinter zu Guttenberg gestellt hat, und wie jeder sich fürchtete, dem beliebtesten Politiker den Todesstoß zu versetzen. Und zu welchen Verrenkungen sie sich erniedrigt haben und noch erniedrigen, um eine unhaltbare Stellung nicht aufzugeben. Fehlte da jedes eigene Ehrgefühl? Zusammenhalt, Macht und Partei über alles?

Ich kann das fürchterliche Leid eines Diebes oder Betrügers, ja seine Höllenqualen, nachvollziehen, wenn er seine mühsam geklaute oder erschwindelte Beute zurück geben muss. Was sind Bestohlene doch niederträchtige Menschen. Sie fordern nicht nur rücksichtslos vom leidenden Dieb die Beute zurück, sondern lassen einfach nicht locker und wollen, dass er ins Gefängnis geht. Schämt euch, heuchlerisches, mitleidloses Pack. Ihr weidet euch an dem Leid dieses armen Menschen. Was sagte die Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel: „Soviel Scheinheiligkeit und Verlogenheit war selten in Deutschland“. Recht hat sie!

Warum stellt sich Frau Bundeskanzler Dr. Merkel hin und versucht das moralische Handeln eines Menschen zwischen Akademiker und Minister zu teilen? Was ist da nur in sie gefahren? Wer hat ihr dazu geraten? Damit hat sie ohne Not viele Akademiker gegen sich aufgebracht. Wieso nur die Akademiker? Auch jeder Geselle oder Meister, der sich seinen Titel erarbeitet hat, kann da doch nur mit dem Kopfschütteln. Wer hat ihr geflüstert, dass nur Gegner der CDU und CSU mit solches Verhalten nicht durchgehen lassen wollen?

Ein Minister, der ihr und uns eine Lüge nach der anderen serviert, hat ihr vollstes Vertrauen? Was wäre, wenn sie am Samstag, oder meinetwegen erst am Dienstag letzter Woche, erklärt hätte: „Meine lieben, Landsleute, verehrten Damen und Herren, am Donnerstag hat mir Herr Minister Dr. zu Guttenberg in einem vier Augengespräche hoch und heilig versichert, dass an den Vorwürfen zu seiner Doktorarbeit nichts dran ist. Heute nun, muss ich nach eingehender Prüfung feststellen, dass diese Arbeit keine vereinzelten Fehler enthält, sonder in weiten Teilen zusammen kopiert und nicht sein eigenes Werk ist. Aus der Erfahrung mit meiner eigenen Arbeit ist mir nicht begreiflich, wie dies unbewusst und unbeabsichtigt geschehen könnte. Zu meinem äußersten Bedauern ist aufgrund dieser Fakten und der ausdrücklichen Versicherungen des Ministers am Donnerstag mein Vertrauen zu Minister zu Guttenberg erheblich erschüttert und eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr möglich.  Aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit des Ministers mir gegenüber und auch gegenüber der Öffentlichkeit habe ich daher schweren Herzens den Herrn Bundespräsidenten bitten müssen, Minister Dr. zu Guttenberg zu entlassen, und einen Nachfolger zu ernennen.“

Wer hätte dagegen aufschreien können? Der Schaden wäre auf Dauer sicher geringer gewesen, als der jetzt entstandene. Die Liebes trunkenen Guttenberg-Fans werden auch wieder nüchtern. Die Verprellten werden sich lange erinnern.

Zur Rücktrittserklärung zu Guttenbergs spare ich mir die Anmerkungen, nur eine: Nicht einmal jetzt hat es zu Größe gereicht. Von Friedmann oder Käßmann weit weit entfernt.

Und das positive Fazit für Politik-Verdrossene: Ganz so mächtig sind die Politiker doch nicht. Auch ohne Wahlen kann der Wähler sie zur Vernunft bringen. Mit Wahlen könnte wir wenigstens erstmals die Spreu ganz grob vom Weizen trennen.

Ein Sargnagel der Demokratie5, wie der Bundestagspräsident Dr. Nobert Lammert fürchtet? Nein, so lebendig war sie schon lange nicht mehr. Nur gäbe es bessere Themen.

Was hat ihn nur dazu getrieben, die Doktorarbeit zu kopieren? Mir kommt dazu immer Ockhams Rasiermesser in den Sinn: Die einfachste Hypothese: Er hat die Arbeit nicht selbst geschrieben. Dies würde die ersten Reaktionen erklären. Zu Guttenberg hat nicht gewusst, wie schlecht sie ist. Und ist Betrüger und Betrogener.

Manche Entscheidungen sind schmerzlich, aber notwendig.

„Und wieder siegt die Dummheit über die Vernunft“6, wie in einem Blog-Kommentar stand? Mitnichten: Die Vernunft hat über die Dummen gesiegt. Bedauerlich nur: Dumme werden dadurch nicht zu Schlauen.


  1. Horst Seehofer: Parteichef von Guttenbergs Gnaden; In: Video auf Spiegel Online; 30.10.2010 >> Abruf 2.3.2011
  2. Merkel: Guttenberg-Gegner sind scheinheilig und verlogen; In: Handelsblatt.com; >> Abruf 2.3.2011
  3. B.Z.: Chronologie eines Rücktritts; In: www.bz-berlin.de; 2.3.2011 18:00 Uhr; >> Abruf 2.3.2011
  4. Die Welt: Die ganze Welt im Blick, über Fußnoten gestolpert; In: www.welt.de; 1.3.2011; >> Abruf 2.3.2011
  5. Die Welt: CSU stützt Guttenberg – Seehofer kritisiert Lammert; In: www.welt.de; 28.2.2011; >> Abruf 2.3.2011

Götterdämmerung – Eine Lichtgestalt verdunkelt sich

Etwas mehr Sachlichkeit täte der Diskussion sicher keinen Abbruch. Dass er Neider – selbst in der eigenen Partei – hat, die etwas gesucht haben, entspricht der Lebenserfahrung.

Jeden, der an seinem Verhalten etwas auszusetzen hat, als Guttenberg-Gegner zu verdächtigen, als Neider zu verunglimpfen oder der Schadenfreude zu bezichtigen, hilf wenig und trifft es wohl nur in wenigen Fällen. Dass die Lichtgestalt sich gerade verdunkelt, ist bedauerlich, aber sie ist selbst schuld. Der Gott stürzt sich selbst.

Ob man ihn mag oder nicht, spielt keine Rolle für die Bewertung seines Verhaltens. Er hat bei der Erstellung seiner Dissertation Fehler begangen, die er nicht zurückdrehen kann. Mit im Boot / im Schlamassel sitzten Professoren der Uni Bayreuth. Die Frage ist, wie kommen die aus dem Boot herraus? Zur Zeit schlecht. KT reitet sich und sie nur weiter hinein. Augen zu und durch, oder ehrlich?

Bei einer Dissertation geht es nicht um eine Bedienübung für ein Textverarbeitungsprogramm. Auch ist sie keine Zitierübung. Es geht um den Nachweis der wissenschaftlichen Qualifikation. Der Doktortitel wird Bestandteil des Namens.

Ab wie vielen Zitier-Fehlern wird eine Arbeit schlecht, wann ist sie noch ein eigenes Werk? Wieviel eigener Gedanke muss enthalten sein?

Es ist erlaubt Textpassagen anderer zu übernehmen, wenn man sie kennzeichnet. Wie lang dürfen die sein? Copy and Paste gab es schon vor dem Computerzeitalter. Nicht umsonst ist das Icon für Ausschneiden die Schere. Die Position eines anderen in eigenen Sätzen zu verwenden, geht völlig in Ordnung. Ganze Sätze zum besseren Leseverständnis auch. Die Übernahme eines ganzen Abschnitt wird grenzwertig, wenn aber mehrere Abschnitte übernommen werden und dazwischen, danach kein eigener Gedanke, keine Kommentierung erscheint, dann hat das mit wissenschaftlicher Arbeit nichts zu tun.

Nun, diese Fragen wird die Uni Bayreuth beantworten müssen. Genug Stoff wurde zusammengetragen.

Wir haben ein Recht, von ehrlichen und weitsichtigen Politikern regiert zu werden. Sie müssen auch erkennen, wann eine Position verloren ist.

Schachspieler, die in erheblichen Nachteil geraten, geben die Partie auf. Manche Spieler reagieren beleidigt oder verächtlich, wenn der Gegner bis zum letzten Zug spielt. Kein Spieler, der etwas auf sich hält, spekuliert auf schwere Fehler des Gegners in gewonnener Position. Niemand spielt bis zum Matt. Um zu zeigen, dass man wenigstens das eigene Matt vorhersehen kann, gibt man auf. In Zeiten des WEB 2.0 scheint dieser Ehrenkodex auf zu weichen.1

Zu Guttenbergs Reaktion zeigt: Er ist kein guter Schachspieler.

Statt zu erkennen, wohin die Reise geht, gibt es Rückzüge auf Raten. Welche Station kommt nach „abstrus“ und „enthält fraglos Fehler“?

„Abstrus“ war eine – unnötige – Herausforderung, von der er wissen musste, dass er den Kampf nicht gewinnen kann. Fehlende Argumente und Herabsetzung des „Gegners“ sind im Zeitalter des Internet wenig ratsam. Die Macht der Information und Koordination der Massen über das Internet wird nicht nur in Tunesien, Ägypten und weiteren Ländern deutlich. Wikileaks war ein Wink mit dem Zaunpfahl. Die Jagd nach Plagiaten war vorhersehbar. Mundtod machen war gestern.

„Enthält fraglos Fehler“ ist eine Null-Aussage, denn keiner erwartet Fehlerfreiheit. Die Frage ist: Warum diese?

Vielleicht hätte eine kurze Sachliche Antwort und Entschuldigung die Sache erledigt. Aber die Zurückweisung als „abstrus“ deutet auf ein schlechtes Gewissen hin. Niemand der sich seiner Sache sicher ist, braucht Vorwürfe als abstrus zu diskreditieren. Ein Ausweichen von der Sachebene auf die emotionale Ebene ist eine Herausforderung. Ungeschickt. Die Erklärung vom Freitag2 macht es nicht besser. Entschlossenes Auftreten ersetzt keine Argumente.

Warum gibt es keine eigenständige Einleitung? Warum wurde sie aus mehreren Quellen kopiert? Die Übernahme 10-seitiger Ausarbeitungen des Bundestagsdienst3 wird schwer zu erklären sein. Korrekt markiert, wäre dies schlicht Seiten schinden.

Ich gebe zu, zu Guttenberg hat bei mir einiges an Sympathien verspielt. Nach der Entlassung des Staatssekretärs und des Generalinspekteurs, die ihm nicht alles vorgelegt (oder auch vorenthalten, unterschlagen) haben4, wird wahrscheinlich die Sekretärin entlassen, weil sie seine Notizen versehentlich in die Dissertation kopiert und nicht gekennzeichnet hat. In sieben Jahren mühsamer Arbeit kann jeder den Blick über das verlieren, was er nur gelesen und was er selbst geschrieben hat.

Das ist alles zutiefst bedauerlich, denn abgesehen von diesen menschlichen Schwächen hat er bei der Reform der Bundeswehr bisher besser gearbeitet als seine Vorgänger.


1vgl. Etikette beim Online-Schach: Aufgeben oder Matt setzen lassen. >> In meiner Zeit, gab es noch kein Online Schach. Fernschach wurde per Brief gespielt und das Spielen bis zum Ende kostete Geld.

2Homepage zuguttenberg.de : Aktuelle Stellungnahme >>

3siehe SPON: Umstrittene Doktorarbeit –
Guttenberg kopierte auch von Bundestagsdienst >>

4siehe FAZ.NET vom 19.02.2011: Verteidigungsminister zu Guttenberg – Gezielte Informationspannen >>